Löwenzahn kann jetzt arabisch

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Bei einem Workshop lernte ich Chafeai kennen. Er ist Lehrer an einer Grundschule in Neukölln. „Huch“, denke ich. „Da ist bestimmt ganz schön was los.“ Ich war noch nie in Neukölln – ein Bild habe ich natürlich trotzdem vor Augen. Ein ziemlich chaotisches, um ehrlich zu sein. Aber Chafeai wirkt ziemlich entspannt.

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Bildquelle: Siehe unten, link zu „Quartierszeitung Richardplatz Süd“

In einer Kaffeepause frage ich nach den Unterrichtsfächern, die er studiert hat und er grinst: „Ähm –  so ein richtiger Lehrer bin ich eigentlich gar nicht.“ Ich bin irritiert und gucke wohl auch dementsprechend. Und dann erzählt er mir, wie er der erste arabische Lehrer an der Löwenzahn-Schule wurde.

Zunächst war er in der freien Wirtschaft tätig, hat als Projektmanager gearbeitet, zuständig für Marokko. Mein erster Gedanke? Geld. Und wieder grinst er. „Ich hab’s mal ausgerechnet, vielleicht ein viertel von meinem alten Gehalt krieg ich  noch.“ Wow, denke ich. Krasse Entscheidung.

Aber wieso kann er überhaupt Lehrer sein? So ganz ohne Lehramtsstudium? Nun, 2010 hat die Senatsverwaltung für in Berlin ein Pilotprojekt zur Beschäftigung von Lehrkräften mit arabischer Herkunft ins Leben gerufen. Dafür wurden Schulen ausgewählt, an denen es viele Schülerinnen und Schüler mit arabischem Hintergrund gibt. Die Lehrkräfte sollen aber keinen Unterricht in arabischer Sprache erteilen, sondern in deutscher. Es geht um mehr etwas anderes:

„Ziel des Projektes ist, dass wir […] Lehrkräfte mit Sprach- und Kulturkenntnissen an Berliner Schulen haben, die auch aktiv in die Elternarbeit einbezogen werden können“, so Prof. Jürgen Zöllner, Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Berlin.

Der Quereinsteiger Chafeai bringt kein pädagogisches Staatsexamen mit, dafür aber mehrere andere Uni-Abschlüsse u.a. in Literatur, Politikmanagement oder Romanistik. Er scheint ein Sprachgenie zu sei (frz., arab, berb., engl.), bei dem ich bei noch so genauem Hinhören kaum einen Akzent erkennen kann, verflixt nochmal.

Also warum wählt er einen Job, bei dem er jeden Tag platt wie eine Flunder nach hause kommt, wenn er locker ein paar Euro mehr in der Tasche haben könnte?

„Naja, ich finde man kann einfach schon ziemlich viel machen. So fällt mir der Zugang zu arabischen Schülerinnen und Schülern  oder ihren Eltern leichter. Ich kenne ihr Konzept von Schule – das ist ganz anders ist als das in Deutschland. Und ich weiß Sachen wie z.B., dass es von Schülern kein Unwille, sondern Zeichen besonderen Respekts ist, wenn sie mir nicht in die Augen schauen.“

Ich find’s richtig gut. Eine tolle Nachricht! Weil Chafeai mitten reingesprungen ist und dort angepackt hat, wo’s nötig ist. Respekt, Chafeai!

Mehr dazu:

http://www.berlin.de/sen/bwf/presse/pressemitteilungen/anwendung/pressemitteilung.aspx?presseid=2855

http://www.richard-quartier.de/uploads/media/52-richard-maer-11.pdf

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