(M)Eine Auszeit für den Mikrokosmus

4 Kommentare

Kerstin berichtet:

Es ist Februar 2011 und ich bin zurück aus einer 4-wöchigen Auszeit. 30 Tage habe ich auf Gran Canaria geweilt und eine liebe Freundin zu einer Klimakur begleitet. 4 Wochen ohne die eigenen 4 Wände, ohne die eigenen Medien, ohne Freunde, Beziehung, Familie. Ich weiss, dass es für nicht-selbständige Menschen nahezu unmöglich ist, 4 Wochen Urlaub zu bekommen, aber ich möchte dennoch ein kurzes Plädoyer dafür halten…

4 Wochen sind ein ganzer Monat. 1/12 von 2011 ist nun schon vorbei – und ich habe es irgendwie garnicht mitbekommen. Es ist, als hätte ich einen Monat übersprungen. Ich kehre zurück aus meiner Auszeit im Süden und verstehe nur noch Bahnhof: Irgendwas in Ägypten, irgendwas in Tunesien, irgendwas mit Hausbesetzung in Berlin, irgendwas mit Zugunglück. Wie Teile eines Puzzles liegt die deutsche Gegenwart grade vor mir, während ich noch in der spanischen Vergangenheit schwelge. Und in mir drin macht sich ein sehr beruhigendes Gefühl breit: Das alles ist mir total egal! Ich klappe die Zeitung wieder zu, mache den Fernseher wieder aus, klicke Spiegel Online weg. Es ist egoistisch – ja – aber es ist mir echt total egal, was grade in der großen weiten Welt wieder alles „schief“ läuft – oder schief zu laufen scheint.

4 Wochen lang war ich mitten drin in einem pulsierenden Mikrokosmus. Habe mit 10 kranken und 10 gesunden Menschen jeden Tag Leben inhaliert, wo es überhaupt nicht mehr selbstverständlich ist. Ich habe in einer Gruppe von unheilbar kranken Menschen (Danke Berthild!) gelernt: Das Leben ist ein Geschenk und wir haben keinen Anspruch auf Länge oder Qualität. Wir können aber eines tun: Jeden Tag in die Hände spucken und versuchen, alles aus diesem Tag herauszuholen. Mit möglichst viel Freude, Dankbarkeit, Gemeinschaft und Aufrichtigkeit. Dabei geht es darum, als Mensch Mensch zu sein, zu lachen und zu weinen, Freude, Bett und Glas zu teilen und immer wieder anzustoßen: Auf das Wunder, das wir leben.

Es geht um den Mikrokosmus, in dem wir alle leben. Wenn wir alle unser unmittelbares Umfeld ernst nehmen, sehen wir viel mehr, als wenn wir einen trüben Blick in die Ferne haben. Direkt um uns herum spielen sich die spannenden und leistbaren Herausforderungen des Lebens ab: Wer ist in meiner Nähe hilfebedürftig? Welchem Freund habe ich lange kein Kompliment mehr gemacht? Wieviel kostet es, der Nachbarin einen Kaffee auszugeben? Kann der Jugendliche Sohn meines Bekannten vielleicht von meinem Wissen profitieren? Wie kann ich helfen, das Haus schöner zu gestalten? Wo kann ich mich engagieren, wenn mir Abends doch eh langweilig ist….? Die Liste der beantwortbaren Herausforderungen ließe sich unendlich weiterführen.

Ich möchte mal ein Beispiel nennen: Seit zwei Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich beim Kinderhospizdienst Berliner Herz. Ich investiere wöchentlich ca. 5 Stunden Zeit, um kranken Menschen im Krankenhaus ein Ohr und ein leckeres selbst gekochtes Essen zu schenken. Darüber ist eine Patientin zu einer sehr lieben Freundin geworden. Mit ihr habe ich die Ehre, 4 Wochen als Begleitperson nach Gran Canaria zu fliegen. Dort lerne ich eine 14-Jährige Patientin kennen, deren großer Wunsch es ist, Filme zu machen. Ich bringe ihr Videoschnitt bei und wir machen auf Gran Canaria einen Film. Der Film gefällt jemandem aus einem großen Verein und ich werde einen Auftrag bekommen. Von dem Geld des Auftrages könnte ich etwas an einen anderen Verein spenden. Die können dadurch vielleicht eine Aktion bezahlen, bei der sich Menschen engagieren und andere Menschen kennenlernen – und dann beginnt er: Der fruchtbare Kreislauf eines funktionierendes Mikrokosmus – der so wahnsinnig viel mit Leben und so wahnsinnig wenig mit der medialen Darstellung unseres Lebens zu tun hat.

Nun bin ich also zurück und weiss 1000 mal mehr, warum ich vor 3 Jahren dieses Projekt hier gegründet habe: Es sind die positiven Dinge, die wie Leuchttürme ausstrahlen und nicht die negativen, die uns alle ohnmächtig in die Isolation schicken. Ich wünsche mir für dieses Jahr viele alte und neue Mitstreiter, die Lust haben, mit ihren eigenen Augen die Welt wahrzunehmen, die den Mut haben, nach rechts und nach links zu schauen und zu handeln und die Lust haben, unsere Gesellschaft mit schönen Geschichten zu unterhalten…

Wer ist dabei?

Auf das Leben und die 1000 guten kleinen Dinge, die so viel neues bewirken.

Ein tolles 2011 euch allen!

Kerstin

Advertisements

4 Gedanken zu „(M)Eine Auszeit für den Mikrokosmus

  1. Vielen Dank für die ermutigenden Worte!

    Das muss genau das sein, warum wir leben:

    Auch in unserer eigenen Gesellschaft, Nachbarschaft und Bekanntschaft kann man immer helfen – wobei die globalen Dingen natürlich auch alle angehen. Nur: Augen zumachen, wenn man Kranke, Benachteiligte, Alte oder Behinderte sieht, kanns nicht sein.

    Unser Sohn war ein paar Tage auf einer neurologischen Station im Kinderklinikum, und wir werden konkret ein Projekt anstossen, damit die behinderten Kinder musiktherapeutisch betreut werden. Also einen Raum zur Kommunikation, zum Spielen, sich ausdrücken und austoben bekommen. Die medizinische Behanldung ist gut, aber nicht ausreichend. Die Inder z.B. haben nie vergessen, dass es mit ergänzenden Heilmethoden viel leichter vorangeht, als ohne….

    Viele Grüsse,

    Jo.

  2. Ich hab mal wieder meinen Namen bei goggle eingegeben und bin dadurch hergekommen. War schon lange nicht mehr hier …
    Tja, ich hab deinen Bericht gelesen, danke, weitergeben ist angesagt!
    An einer Stelle hab ich allerdings gestutzt. Kannst du dir denken, an welcher?
    Ich las „unheilbare Kranke“.
    Im Laufe von fast 60 Lebensjahren hab ich mich davon gelöst, von auch nur einem unheilbar Kranken zu schreiben! KEIN Mensch weiß, ob ein Mensch unheilbar krank ist; Heilung kann in jedem Augenbklick beginnen. Das Buch „The Journey“ von Brandon Bays ist ein lebendiges Beispiel dafür.

    Noch was ganz Schönes! Die Gefühlsmonster gibt es jetzt auch als Malbuch und die ersten 30 sind in eine Kinderklinik in Holland gefahren …
    http://www.gefuehlsmonster.de – auch eine Website, die das Positive zeigt!
    Herzliche Grüße
    Berthild

    • Danke Berthild für deine Anmerkung und schön, dass sich unsere virtuellen Wege mal wieder kreuzen. Du hast recht – die Wahrscheinlichkeit, dass ein jeder von uns den heutigen Tag überlebt oder auch nicht, ist bei allen Menschen gleich. Und von dem Streben nach der Aussicht, dass es möglichst lange währen soll, sollten wir uns frei machen. Wir leben hier und jetzt. Und das sollten wir 100% tun.

  3. Ach ja, ich bin mal wieder hier gelandet und ich freu mich, dass da Eine ist, die versteht und verändert, danke, Kerstin!
    Hast du mal wieder bei den Gefuehlsmonstern geguckt? Die sind toll, wenn Menschen krank sind, finde ich …
    Jetzt gibt es sie auch als Sticker und am 13.2. 2012 ist wieder Seelenzeit im Hauptquartier der Gefühlsmonster, in der Bornholmer 19: http://gefuehlsmonster.de/wp-content/uploads/2011/09/111018-Einladung-Seelenzeit-Nr.-2-zum-Ausdrucken-und-Weitergeben.pdf

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s