Hallo, Herr Präsident….?!

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Kerstin findet diese schöne Geschichte auf Spiegel Online:

Henrik Eigenfeld aus Lüneburg hat ein ganz normales Dienst-Handy mit einer ganz normalen Nummer. Dachte er. Doch dann erhielt er plötzlich Anrufe von Berliner Spitzenpolitikern und Gratulationen per SMS zur Kandidatur als Bundespräsident. Die Geschichte einer kuriosen Verwechslung.

Hamburg – Das Gerät glänzt noch wie neu, die Schutzfolie hat Henrik Eigenfeld lange auf dem Display kleben lassen: ein silberfarbenes Handy von Nokia. Sein Dienstgerät. Seit dreieinhalb Monaten arbeitet Eigenfeld in einem Hamburger Unternehmen für Klima- und Kältetechnik, das Telefon hat er seit zehn Wochen. Die Nummer kennt eigentlich nur Eigenfelds Chef. Falls er den Mess- und Regeltechniker dringend erreichen muss, wenn Eigenfeld auf einer Baustelle statt im Büro ist. Ein ganz normales Dienst-Handy also, wie es Tausende von Deutschen haben – bis zu jenem Tag im vergangenen April. Da erhält Henrik Eigenfeld diesen merkwürdigen Anruf: „Guten Tag, Herr Gauck“, sagt jemand und bittet um ein Interview. Eigenfeld macht den Anrufer darauf aufmerksam, dass dieser sich offenbar verwählt habe. Wie sich der Name des gewünschten Gesprächspartners wohl schreibe, fragt sich Eigenfeld damals.

Sein Telefon hat den 23-Jährigen unvermittelt mit den jüngsten Wirren der deutschen Politik in Verbindung gebracht. Es ist eine kleine, schräge Geschichte, die Henrik Eigenfelds Leben für ein paar Tage durcheinanderwirbelt – und eine Geschichte, wie sie es nur im modernen Kommunikationszeitalter geben kann. Der fehlgeleitete Anruf hat Eigenfeld nicht sonderlich überrascht. So was kommt ja mal vor. In den darauffolgenden Tagen kommen auch keine weiteren seltsamen Interview-Anfragen über sein schönes neues Telefon.

Doch Ende Mai piept Eigenfelds Dienst-Handy plötzlich: eine SMS. Die erste überhaupt. Sein Chef ist kein SMS-Schreiber, der ruft lieber an. Auch der Text ist merkwürdig: „Lieber Joachim, wäre das freigewordene Amt nix für Dich? Ich tät Dich gleich wählen!“, schreibt eine Frau und schickt einen herzlichen Gruß dazu. Die Botschaft landet am 31. Mai um 17.56 Uhr bei Eigenfeld. Ein normaler Tag für ihn. Er ist für einen Arbeitseinsatz in Berlin unterwegs, hat viel zu tun und steckt das Gerät wieder in seine Tasche.

Doch in der Hauptstadt und auch im Rest der Republik ist der 31. Mai kein normaler Tag. Um kurz nach 14 Uhr lädt Bundespräsident Horst Köhler zur Pressekonferenz und erklärt seinen sofortigen Rücktritt. Es ist das erste Mal, dass sich der oberste Repräsentant der Bundesrepublik vorzeitig und mit sofortiger Wirkung aus dem Amt verabschiedet.
Die SMS-Schreiberin muss ein großer Fan vom „lieben Joachim“ sein. Nicht mal drei Stunden liegt Horst Köhlers Rücktritt zurück, da wagt sie schon das Gedankenspiel, dass der frühere DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck ein geeigneter Nachfolger wäre.

Eigenfeld weiß an dem Tag zunächst nichts von dem Köhler-Rücktritt. „Auf der Baustelle gibt’s kein Radio“, sagt er. Erst später am Abend erfährt der davon. Aber auch da fügt er die bereits Wochen zurückliegende Interview-Anfrage eines Journalisten und die „Lieber Joachim“-SMS noch nicht zu einem Puzzle zusammen. Am 3. Juni klingelt Eigenfelds Dienstgerät, ein Anruf mit unterdrückter Nummer. „Ich war gerade damit beschäftigt, die Regelung einer Lüftungsanlage in Betrieb zu nehmen“, berichtet er hinterher. Er drückt auf die Annehmen-Taste und hört eine Frauenstimme, die er aus den Fernsehnachrichten kennt. „Guten Tag, hier ist Renate Künast, ich wollte eigentlich mit Herrn Gauck sprechen.“

Politik ist nichts Fremdes für Eigenfeld, er war mal in der SPD, im Jahr 2005 trat er in seiner Heimatstadt Lüneburg in die Partei ein, 2009 verließ er sie wieder, „ich bin trotzdem noch eine rote Socke“, sagt er. Als er die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag am Apparat hat, ist er überrascht. „Da sind Sie leider falsch“, mehr fällt ihm in dem Moment nicht ein. Wann ruft einen schon mal Renate Künast an? Auch die Grünen-Politikerin muss irritiert sein: Ende des Gesprächs.

Gauck, Interview, Joachim, Künast: Er setzt sich an einen Computer und recherchiert im Internet. Es dauert nicht lang, dann ahnt er, was der Grund für die seltsamen Anrufe ist: Joachim Gauck war der Vorbesitzer seiner Dienst-Handy-Nummer. „Alte Nummern werden nach einer bestimmten Frist neu vergeben“, sagt ein Vodafone-Sprecher. Die Frist für die Neuvergabe einer solchen Nummer betrage allerdings mindestens sechs Monate. So ist aus der ehemaligen Mobilnummer von Joachim Gauck inzwischen die Nummer von Henrik Eigenfeld geworden.

Eigenfeld beschließt, das Handy künftig einfach klingeln zu lassen, wenn jemand anruft. „Ich will mich ja nicht als Joachim Gauck ausgeben“, sagt er. Nur die eintrudelnden SMS, die liest er. Und davon kommen plötzlich viel mehr. „lieber herr gauck, es war mehr als ein vergnügen, Ihnen heute zuhören zu können, es war ein bewegender moment, wie ich ihn in der politik nicht so oft erlebt habe“, schreibt etwa ein Mitarbeiter eines führenden Sozialdemokraten. „Sie können auf mich in den nächsten Wochen zählen“, fügt der Mann hinzu und verabschiedet sich „mit brüderlichen grüssen (im alten, guten ddr-kirchen-sinn)“.

Am 7. Juni klingelt Eigenfelds Diensthandy ziemlich hektisch. 18.05 Uhr: ringringring, 19.03 Uhr, 20 Uhr, 20.09 Uhr, 20.37 Uhr. Es ist der Tag, an dem SPD und Grüne Gauck zu ihrem Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl am 30. Juni nominieren. „Lieber Herr Gauck, freue mich gewaltig und hoffe, sie gewinnen“, schreibt am 8. Juni die Leiterin eines Museums und fragt ihn, ob er am 16. Juni bei einem Termin in Berlin eine Rede halten könne. „Lieber Herr Gauck, meine Stimme haben Sie. Freue mich auf die nächsten Wochen“, schreibt eine Publizistin. Und ein Reporter beglückwünscht ihn zum „starken Auftritt“ in der Bundespressekonferenz und fragt nach einem Interview. Eigenfeld lacht jetzt noch, wenn er die Kurznachrichten aufruft. Er hat sich zuletzt mit Joachim Gaucks Lebenslauf beschäftigt und ist beeindruckt. „Er ist einer, der Widerstand in der DDR repräsentiert, ein Revoluzzer, er hat mit zur Wende beigetragen.“

Ohne Gaucks Wissen ist also eine ungewöhnliche Art von SMS-Freundschaft entstanden – obwohl Gauck und Eigenfeld keinerlei Kontakt haben. Der 23-Jährige würde sich über einen Bundespräsidenten Gauck freuen, sagt er. Die Wahl am 30. Juni will er aufmerksam verfolgen. Mit eingeschaltetem Diensthandy. „Vielleicht meldet sich ja mal Herr Gauck“, sagt Eigenfeld. Seine alte Handy-Nummer hat der Bewerber ums höchste Staatsamt bestimmt noch nicht vergessen.

Was für eine schöne harmlose Geschichte zum Wochenende hin. Schön, wenn moderne Technologie letztlich doch noch für Emotionen sorgt 🙂 Lasst es euch gut gehen und: Anpfiff – der bessere möge Weltmeister werden 🙂

Quelle: Spiegel Online

Bildquelle: Pixelio.de

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